Leseprobe ...
Was Deutsche vermissen und doch finden können

Da wir uns bereits einmal über einen längeren Zeitraum in den USA aufgehalten hatten, wußten wir um den Mangel so mancher uns vertrauter Produkte. An erster Stelle steht natürlich das Schwarzbrot. Zwar gibt es in den amerikanischen Supermärkten diverse Sorten dunklen Brotes, es kommt jedoch nur vom Aussehen her einem deutschen Brotlaib nahe. Greift man danach, ist die Enttäuschung um so größer. Das dunkle Brot ist extrem weiches Weißbrot, welches nur mit Lebensmittelfarbe versetzt wurde. Man kann es ohne Kraftanstrengung auf ein Fünftel seiner ursprünglichen Größe zusammendrücken.

Die Wurst ist nicht viel besser. Wenn auch deutsche Leberwurst angeboten wird, so ist beim Verzehr klar, daß kein Fleischergeselle in Deutschland mit diesem wurstartigen Aufstrich eine Meisterprüfung bestehen würde.

Da im Nordosten von Philadelphia sehr viele ehemalige Österreicher und Deutsche bzw. deren Nachkommen wohnen, haben sich in der Region auch einige Geschäfte und Gewerbe auf die deutschen Eigenarten eingestellt. So nehmen wir ca. einmal in sechs Wochen eine einstündige Autofahrt in Kauf, um bei einem aus Süddeutschland eingewanderten Fleischer einzukaufen. Er hat erkannt, daß sich nicht nur deutsche Wurst und Fleisch sehr gut verkaufen lassen. In den Regalen findet man auch Leibniz-Kekse, Dr. Oetker's Vanille Pudding, Rittersport Schokolade, Marzipanbrote aus Lübeck, Penatencreme, Löwen-Senf, Spätzle und den „Spiegel". Das Brot kann er natürlich nicht aus Europa einführen, dafür entdeckte er eine Großbäckerei in Kanada, die Sauerteigbrot produziert. Seine Brotimporte wanderten bis vor kurzem regelmäßig auf unseren Abendbrottisch. Besonderes Vergnügen macht es uns, im Geschäft unsere Wünsche in deutscher Sprache zu äußern. Das Gefühl von heimischem Tante-Emma-Laden ist einfach zu gut! Inzwischen habe ich ein neues Hobby entdeckt - ich backe unser Brot selbst. Angefangen beim Weißbrot bis hin zum französischen Baguette und Multi-Körner-Roggenbrot. Mit dem Sauerteig klappt es immer besser!

Ganz in der Nähe des Fleischers betreibt ein Österreicher ein Friseurgeschäft. Er steht zwar kurz vor der Pension, schneidet aber immer noch von Montag bis Samstag täglich acht Stunden die Haare seiner ausschließlich männlichen Kundschaft. Er hat keine Hilfskräfte oder angestellte Friseure. Früher wäre ich nie auf die Idee gekommen, längere Gespräche mit meinem Friseur anzufangen, hier ist das anders. Wir diskutieren über neueste Entwicklungen in Deutschland oder über die verrückten Amerikaner. Manchmal gleitet die Diskussion auch ins Triviale, wenn es um die neueste Wurstkreation des Fleischers geht, oder um ein Restaurant mit guter deutscher Küche. Normalerweise dauert ein Standardhaarschnitt nur zehn Minuten. So wartet man gerne, selbst wenn noch zwei oder drei Herren zuvor an der Reihe sind. Wenn aber ich auf dem Stuhl sitze, werden die anderen Kunden unübersehbar ungeduldig. Zunächst müssen sie in dem kleinen Laden das für sie unverständliche deutsche Geschwätz ertragen. Meist können sie nach kurzer Beobachtungszeit schon absehen, daß ich es nicht unter einer halben Stunde schaffe. Denn der Meister kann nicht zur gleichen Zeit reden und schneiden …



Inhaltsverzeichnis || Nächste Leseprobe || Online Bestellung



Copyright © SPALLEK.COM 1999-2003. All rights reserved.